LEDERER IM PORTRÄT

TRADITIONSREICH, ABER
FLEXIBEL IN DIE ZUKUNFT

Bei der Jörg Lederer GmbH in Amstetten werden in dritter Generation für die Produktion von elastischen Garnen viele Fäden mit hohem Qualitätsanspruch verwirbelt und umwunden. Das Familienunternehmen blickt nach einem kürzlichen Generationenwechsel mit neuen Produkten, erweiterter Führungsmannschaft und einem klaren Bekenntnis zum Standort Deutschland in die Zukunft.

Manchmal braucht es einen Schritt zurück und damit ein bisschen Abstand, um die Zukunft eines Familienunternehmens zu gestalten. Ein Patentrezept für die Unternehmensnachfolge gibt es nicht. Ein Besuch bei der Jörg Lederer GmbH zeigt aber, wie es mit einem klaren Blick nach vorne, qualifizierter Unterstützung von außen und dem notwendigen Maß an Flexibilität gelingen kann. Flexibilität oder Elastizität ist es auch, was die Produkte des Unternehmens ausmacht. 1948 von Jörg Lederer gegründet, konzentrierte sich die Produktion zunächst auf umwundene Gummifäden für Sockenränder und elastische Bänder. Fast 75 Jahre später reicht das Produktportfolio und der Technologiepark des Unternehmens weit über diese Anwendungen hinaus. Auf 20 000 Quadratmetern Produktionsfläche drehen sich 50 000 Spindeln im Umwinde- oder Air Jet Verfahren für modische, technische und medizinische Produkte mit einem Kern aus Elastan. Nach dem Tod von Manfred Lederer 2016, der das Unternehmen seit 1980 führte, wurden zunächst zwei langjährige Mitarbeiter als Geschäftsführer eingesetzt. Dass Anfang 2021 seine Töchter Beatrice Lederer und Stephanie Schäfer das Familienunternehmen in dritter Generation als Doppelspitze übernehmen würden, hatten beide allerdings nicht geplant. Der Wunsch des Vaters sei natürlich da gewesen, aber sie schlugen zunächst andere Wege ein, um zu unterschiedlichen Zeitpunkten zu dem Entschluss zu kommen, dass sie ihre Zeit und Energie lieber in den eigenen Betrieb investieren möchten. „Die Überlegung, im eigenen Familienunternehmen Verantwortung zu übernehmen, fühlte sich im Bauch einfach richtig an, wenn ich mich mit der endgültigen Entscheidung dann auch selbst überrascht habe”, lacht Beatrice Lederer rückblickend. Mit der Übernahme der Geschäftsführung fühlten sich die Schwestern mehr als einmal ins kalte Wasser geworfen. Der sich verändernde Absatzmarkt, die Rohstoffknappheit und die Auswirkungen der Corona-Krise machten es nötig, kreativ zu sein. Viele Ideen wurden geboren, teils verworfen und zum Teil harte Entscheidungen mussten getroffen werden, um das Unternehmen und die Arbeitsplätze zu sichern. Statt Planungssicherheit beherrschte die anhaltende Pandemie den Alltag. Die Schwestern bekamen in dieser schweren Zeit Rückendeckung aus weiten Teilen der Belegschaft, auch oder weil keine Arbeitsplätze abgebaut wurden. Mit vielen Mitarbeitenden verbindet die beiden Schwestern eine langjährige
Beziehung, nachdem diese „quasi“ im Betrieb aufgewachsen waren. Ihrem strategischen Plan folgend trieben Beatrice Lederer und Stephanie Schäfer die Erweiterung des Maschinenparks und die Fokussierung auf einen Standort voran. Durch die Übernahme der Umwindeabteilung vom Mitbewerber Swisslastic 2020 konnte die Ausrichtung auf medizinische Anwendungen gestärkt werden. 2021 folgten weitere Maschinen aus der ehemaligen Tochtergesellschaft Coyarn in der Schweiz. Die Nachricht nach innen und außen ist klar: auch die neue Generation setzt auf Wachstum am Standort Deutschland und technologischen Fortschritt.

Ab Herbst 2021 konnte die Produktion nach langen Phasen der Kurzarbeit wieder voll ausgelastet werden und das Unternehmen kämpfte nur noch mit Rohstoffknappheit und der aufkommenden Energiepreiskrise.

Die Herausforderungen haben die Schwestern zusammengeschweißt, eine gemeinsame Linie zu finden war nicht schwer. So lassen sich beide auch nicht durch eine weitere Veränderung von ihrem Plan für ihr Unternehmen abbringen. Zur Geburt ihres ersten Kindes entschied sich Stephanie Schäfer zum Ausscheiden aus der operativen Geschäftsführung. Dafür holten sich die Unternehmerinnen transformationserfahrene Verstärkung ins Haus.

Quelle:Südwesttextil e.V.

Quelle: Südwesttextil e.V.

Für Bernd Grupp, der die Jörg Lederer GmbH seit Anfang 2022 mit Beatrice Lederer gemeinsam führt, ist der Mittelstand aus vielen Vorpositionen in der Geschäftsführung sehr vertraut, das kleine Städtchen Amstetten aufgrund des nahen Wohnorts erst recht. Die Textilindustrie und ihre Prozesse sind wiederum ein völlig neues Wirkungsfeld für ihn, war er zuvor doch vor allem im Maschinenbau und im Bereich Automotive tätig. Damit bringt der Diplom-Kaufmann jedoch einen Blick von außen mit, der das Trio zusammen zurücktreten und Prozesse mit etwas mehr Abstand betrachten lässt. So sollen über Jahre eingespielte Routinen neugestaltet, die Mitarbeitenden zu Impulsen angeregt und aktiv innovative Entwicklungen und Prozessveränderungen angegangen werden. Bernd Grupp reizt die Herausforderung und er betont: „Wir haben große Produktkompetenz und viele erfahrene Mitarbeiter – das birgt extremes Potenzial und wird sich in die richtige Richtung entwickeln, wenn die Rahmenbedingungen passen.“ Dazu zählt neben der Verfügbarkeit von Rohstoffen und der Stabilität der Lieferanten auch der Strompreis. Speziell dünne Garne für Feinstrümpfe brauchen lange Produktionszeiten auf den Umwindemaschinen und diese wiederum viel Strom. Die enormen Preissteigerungen am Spotmarkt von bis zu 1000 % bremsen das zuletzt sehr positiv entwickelte Geschäft bei Lederer aus. Beatrice Lederer, Stephanie Schäfer und Bernd Grupp halten trotz dieser Herausforderungen an ihrer gemeinsamen Vision fest: „Wir verfolgen weiter stringent unsere Strategie, werden junge Führungskräfte nachziehen und im Zusammenspiel mit unseren langjährigen Mitarbeitenden die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens sichern.”

„Die Überlegung, im eigenen Familienunternehmen Verantwortung zu übernehmen, fühlte sich im Bauch einfach richtig an, wenn ich mich mit der endgültigen Entscheidung dann auch selbst überrascht habe”

Um diese Mentalität auch ihren 130 Beschäftigten zu vermitteln, wurden in diesem Jahr bei Lederer Kisten gepackt. Fast 50 Jahre waren Produktion und Verwaltung durch die B10 getrennt: direkt neben der ursprünglichen Unternehmervilla am Berg, saßen Geschäftsführung, Finanzabteilung, Einkauf und Vertrieb in einem Gebäude, dem alten Stammsitz. Ab Herbst 2022 findet sich alles unter einem Dach, um das innerbetriebliche Zusammenwachsen zu stärken. Zusätzlich zu den hellen Büroräumlichkeiten wurde auch für alle Mitarbeitenden die nun gemeinsame Kantine renoviert – für den Austausch auf Augenhöhe.

Diese positiven Entwicklungen und Pläne geraten in der Ereignisflut der letzten Zeit manchmal aus dem Blickfeld des Trios. Nach einem Rundgang durch das Unternehmen, ausführlichen Gesprächen über Pläne für die nahe und ferne Zukunft und einem liebevollen Blick in die Vergangenheit wird allerdings klar: der Kern, um den sich die Fäden bei Lederer winden, ist nur bedingt elastisch. Die Werte, die die Geschäftsführung mit ihren Mitarbeitenden teilt, sind eine feste Basis, auf der sich auch Fortschritte verwirklichen lassen. Die Faszination für Produkt und Technologie sowie Nähe und Vertrauen zwischen den Schwestern und ihrer großen „Familie” werden nicht zuletzt beim Rundgang durch das Unternehmen sichtbar. An jeder Ecke grüßt ein freundliches Gesicht, eine authentisch und lachend erzählte Geschichte nach der anderen wird zum Besten gegeben. Dies umwindet und stärkt den Kern von Lederer.

 

Der Artikel wurde verfasst von der Südwesttextil e.V.

Die ursprüngliche Version ist veröffentlicht unter https://www.suedwesttextil.de/news/lederer-portrait